Sieger singen (Kantate 2018)

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„Ein Gespenst geht um in Europa“. Mit dieser Beschwörung zünden Marx und Engels vor 170 Jahren den ideologischen Treibsatz ihres „Kommunistischen Manifests“. Seitdem sind zwar manche Gespenster erledigt worden. Aber eins geht immer noch um: Die Angst. Die Angst ist der Widergänger aller Verzagten. Wer Angst hat wird entweder übervorsichtig oder panisch. Gibt es einen Sonderweg zwischen Totstellreflex und blindem Aktionismus?
Paulus und Silas, die der Kultur des ersten nachchristlichen Jahrhunderts eine Alternative zum offiziellen Götterglauben anbieten wollten (Apostelgeschichte 16,23ff), werden dafür ins Gefängnis geworfen. Anstatt nun klein beizugeben, singen sie Loblieder und beten Psalmen. Es wird berichtet, dass davon um Mitternacht die Erde bebt und die Mauern des Gefängnisses wankten. Die Riegel der Türen sprangen auf – und man kam frei. Am Ende nimmt der Gefängniswärter sogar die Botschaft seiner beiden Zelleninsassen an, lässt sich taufen – und alles wird gut. Vielleicht ein bisschen naiv gedacht – aber gut erzählt. 
Sieger singen. Wer singt, hat schon gewonnen. Nicht die alten ideologischen Choräle der Internationale und der Achtundsechziger. Sondern die heiligen Lieder neu. Wer kennt sie noch? „Christ lag in Todesbanden“, „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ und „Nun danket alle Gott“? Eine wichtige Frage ist, wer die guten Lieder aus dem öffentlichen Gedächtnis abgeschafft hat. Wer nahm erst einzelne Worte weg, strich Strophen aus und dichtete um, was Jahrhunderte lang Halt und Haltung gab?
Auf jeden Fall sollte man ein Evangelisches Gesangbuch und ein katholisches Gotteslob im Schrank haben. „Die Gedanken sind frei!“ Man wird sie wieder brauchen, um der Angst Herr zu werden. Wehe allen Gefängnismauern, wenn die Ängstlichen sich aufraffen und die alten Lieder neu singen.

 

Weinstock und Reben

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Am vergangenen Sonntag stellte uns das Johannesevangelium Jesus als Guten Hirten vor. Heute als Weinstock (Johannes 15,1-8). Und wir sind die Reben! Hirte und Weinstock – beides sind Bilder der Teilhabe und Anteilgabe an Größerem. Reben, die keine gute Frucht bringen, werden ausgeschnitten und ins Feuer geworfen. Eine ernste Sache, sobald man das Bild auf sich selbst bezieht. Sogar die Frucht tragenden Reben werden einer Reinigung unterzogen. Jesus führt detailliert aus, dass diese reinigende Wirkung vermittels seines Wortes geschieht. Jeder, der ernsthaft im Neuen Testament gelesen hat, wird das bestätigen können: Die Worte Jesu regen auf – jeden Fall zum Nachdenken an. Genau das schon ist der Beginn der Reinigung. Der Genuss des Neuen Testaments liefert Nahrungsergänzungsstoffe zum Einheitsbrei des Gelabers. O-Ton Jesus: „Darin wird mein himmlischer Vater geehrt, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger!“ Die Frucht mit den darin enthaltenen Samenkörnern ist die ganze Pflanze im Modus ihres zukünftig Dauernwollens. Früchte sind außerdem auch süß. Man kann Wein daraus keltern – IN VINO VERITAS. Wichtiger aber sind die Körner in der Traube. Frucht zu bringen bedeutet, dass man in irgendeiner Weise „Ja“ sagt – nicht nur zur Rebe, die man selber ist, sondern zum Weinstock als übergeordneter Kulturpflanze. Für den Menschen ist nämlich erst Kultur die wirkliche Natur, er pflegt sie und sie pflegt ihn. Aus dem tribalen Hintergrundrauschen blinder naturhafter Antriebe ist in Jahrtausenden Kultur geworden. Wer den Weinstock nun liebt und sich für dessen Wahrheit einsetzt, müht sich auch ganz persönlich um die fröhlich machende Frucht. Wer nur Früchte verlangt, aber keinen Stolz hat, dafür selber auch zu schaffen und zu beten – gehört nicht zum Weinstock.