2. Sonntag nach Epiphanias

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Der zweite Sonntag nach dem Epiphaniasfest ist ethikfreien Wundern gewidmet. In den zu verlesenden Texten geht es um die Verwandlung von Wasser in Wein (Joh. 2) und darum, Unendliches sich begreiflich zu machen. Dazu blitzen innerhalb von Zeit und Raum direkt in der Mitte des Sinns allerlei Anomalien auf, – für die Aufmerksamen sind es versteckte Pforten der Epiphanie. Epiphanie bedeutet „Die-Einzelerscheinung-die-Alles-klärt“. Einmal zum Beispiel wünscht sich Mose, Gottes Herrlichkeit zu sehen (Exodus 33). Vermittels eines Tricks funktioniert es für den ersten Augenblick auch fast. Allerdings nur in der interpretierenden Rückschau! Aber das ist ja mehr als genug.

Folgende Experimentalanordnung wird dort draußen in der Wüste installiert: Der Experimentator Mose muss sich in einen Höhlenraum stellen. Der Eingang der Höhle wird durch den Laborgehilfen Gott verdeckt. Das Beobachtungsobjekt Gott ist nämlich zugleich auch der Famulus des Beobachters Mose! In der Höhle ist nichts zu sehen. Draußen zieht inzwischen dasjenige vorüber, was hätte beobachtet werden sollen. Mose springt im letzten Augenblick zum Laborausgang – und findet gerade noch den Anschein des Vorübergegangenen vor. Allenfalls Reste einer Spur kann der Experimentator ahnen, – vorausgesetzt er redet sich in dieser Hinsicht selber auch viel ein …

Gotteserfahrung? Man könnte sie als Täuschung bezeichnen, denn das Objekt ist eigentlich ein Nobjekt. Wenn da am Wege nicht lauter Splitter herum lägen: Phantastische Fundstücke, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf das ganz Große oder das ganz Kleine richten. „Jede gerade Zahl zum Beispiel, die größer als 2 ist, ist Summe zweier Primzahlen“(Goldbachsche Vermutung). Oder: „Man nehme eine Primzahl größer als 3, multipliziere sie mit sich selbst und ziehe 1 davon ab. Warum ist das Ergebnis immer ohne Rest durch die 24 teilbar?“ Wir staunen und fragen an die Adresse dessen, was wir für Gott halten: „Hast Du dich etwa in den Zahlen absichtlich deshalb so offenbar versteckt, damit wir dich immer wieder fast gefunden zu haben meinen? Und warum gerade dort!“

Es (oder ER!) schweigt natürlich. Aber würde Gott nicht sagen müssen: „Die Zahlen? Das sind doch meine liebsten Tools, meine Kalibriermatrizen, mit denen ich das, was Euch betrifft, am Laufen halte. Ihr ahnt meinen Schatten in den Zahlen? Aber die Zahlen selber sind die Schatten meiner ordnenden Finger – im Licht Eurer Aufmerksamkeit! Wem unter euch das nicht reicht, der tue Gutes! Ethik ist mein Sonderausweg für die, denen sich das Geheimnis nicht im Gebet schenkt, sondern vorrangig im Tun des Gerechten.“ Dass er das n i c h t  sagt, liegt daran, dass er meint, wir könnten auch von selbst darauf kommen (Argumentum ex silentio).

Ja, – mit Hilfe der Zahlen und Zeichen schauen wir aus der Nebelkammer der Welt in die der unbegreiflichen Herrlichkeit. Was wollen wir mehr – als Gutes tun?