an der Flamme der Erkenntnis

Petrus verleugnet am Feuer seinen Meister Jesus (Schnorr von Carolsfeld)

Lukas, der in seinem Evangelium viele Details so präzise beschrieben hat, beschreibt auf solche Weise auch dieses Feuer. Soldaten hatten es angezündet – und zwar genau in der Mitte des Hofes (ἐν μέσῳ τῆς αὐλῆς). Man stand drum herum, vertrieb sich die Zeit bis zur Hinrichtung, indem man sich ein wenig zu wärmen versuchte. Petrus setzt sich mit dazu – und wir bewundern seinen Mut. Der Jünger Jesu wagt sich tatsächlich in die Höhle des Löwen.

Was passiert? Karl May schreibt, „wenn du wissen willst, wie der Charakter eines Mannes beschaffen ist, sieh dir seine Feuerstelle an, wenn er sie verlassen hat!” Wir schauen in die Asche der Geschichte und lesen in den Evangelien: Petrus verließ das Feuer und ging weinend davon. Das Feuer brannte weiter … Es ist eins der unzähligen Soldatenfeuer und zugleich die Flamme einer Erkenntnis, die der zukünftige Kirchenlenker im Blick auf sich selbst wohl oder übel machen musste. 

Nicht umsonst brennt diese Flamme in der Mitte des Hofes. Ihr Feuer im Hof ist jenem Baum vergleichbar, der in der Mitte des Paradieses steht – der Baum des Lebens. Wenn man weiß, wo die Mitte ist, ist alles gut. Die Mitte fühlt sich leicht an. Wer die Mitte verloren hat, hat alles verloren. Petrus geht aus der Mitte fort, denn er hat seinen Meister und damit sich selbst verloren. Aber in dieser bitteren Erkenntnis hat er sich zugleich wiedergefunden. Das ist die Dialektik der Selbsterfahrung …

Ein ähnliches Feuer leuchtete Mose am Rande der Wüste. Dieser Rand wurde deshalb zur Mitte einer wirklichen Gotteserfahrungslandschaft. Feuer war es, das nicht so sehr brät und wärmt, sondern den Geist erleuchtet. Wenn man nur hinginge und die Sandalen auszöge! In der Mitte, wo es wirklich brennt, dort ist der heilige Bereich untrüglicher Begriffe, dort ist das wahre Wort-Territorium, die Buchstabenwelt, das Ziffernreich und ein Sinngefild. Stefan George erfasste Ähnliches mit wenigen Worten:

Wer je die Flamme umschritt,
bleibe der Flamme Trabant!
Wie er auch wandert und kreist:
Wo noch ihr Schein ihn erreicht,
irrt er zu weit nie vom Ziel.
Nur wenn sein Blick sie verlor –
eigener Schimmer ihn trügt:
Fehlt ihm der Mitte Gesetz.

Mose fand inmitten der Wüste den ewigen Namen Gottes – und konnte sich hinfort der Stärke eigener Einsamkeit anvertrauen.  Petrus erkannte am Feuer mitten im Hof erst einmal nur seine eigene Schwachheit. Angesichts der Menge, die ihn als vereinzelten Jesusfreund dingfest machen wollte, knickte er erbärmlich ein. Noch war er nicht so stark wie Mose! Noch hatte er Angst! Erst seine Jesuserfahrungen nach dem Kreuzigungstaumel der Menge änderte alles. Da wurde auch Petrus stark.

Das Feuer in der Mitte des Kreises seiner Bedränger offenbart ihm die Wahrheit darüber, wer er selber wirklich ist. Und der Hahn – schon Sokrates wurden weise Sprüche über den Preis der Selbsterkenntnis entlockt – zwingt die Tränen hervor. Am Ziel solcher Erkenntnis angekommen, wird Petrus nie wieder seinen Meister verleugnen. Nie wieder wird er dessen Botschaft relativieren. Nie wieder das Kreuz ablegen. Deshalb muss er bis heute die Kirche lenken. 

Dann darf diese auch das Feuer in der Mitte des Hofes bleiben, bzw. könnte es wieder neu werden. Wichtiger als Wärme gemeinsamen Herumstehens ist ihre erkenntnisleitende Wirkung, die dem Einzelnen möglich macht, stark zu sein …. Erkenntnis fängt manchmal bitter an – aber dadurch macht sie frei …