Fundstück…

In einer alten Kirche hängen diese Worte. Wer mag sie wann aufgehängt haben? Ich vermute am Anfang der neunziger Jahre, als in unserem Land, wie so oft, um Freiheit gerungen wurde und Glasrahmen dieser Art in den neu aufkommenden Baumärkten zu finden waren. So mußten die Worte nicht einfach mit dem Zettel an der Wand befestigt werden. Offenbar haben sie jemandem am Herzen gelegen oder sind in jemandes Herz gefallen.
Inzwischen haben Zeit, Sonne und schwankende Luftfeuchtigkeit dafür gesorgt, dass sich das Papier von den Rändern her mehr und mehr auflöst. Fast erinnert das Blatt an eine alte Handschrift, die irgendwo in einer Höhle am Toten Meer gefunden wurde. Einst kostbar genug gerahmt oder in einem Tonkrug verwahrt zu werden, sind die Worte in Vergessenheit geraten.
Von Maria heißt es in der Weihnachtsgeschichte des Lukas: Und sie bewahrte alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Historisch betrachtet, gehören die Worte des Paulus und dieser Satz über Maria nicht zusammen. Die beiden sind sich wohl nie begegnet. Und nun sind sie mir in Auge und Herz gefallen, gehen mir nicht aus dem Sinn. Ihr seid zur Freiheit berufen. Bis dahin ist es noch leicht. Die Freiheit ist bei allen gern gesehen und jeder möchte sie gern für sich haben, beanspruchen. Sie steht auf so vielen Fahnen und Transparenten, wird mit verbaler oder Waffengewalt versucht einzufordern, zu verteidigen und festzuhalten.
Für Paulus steht die Freiheit nicht allein im Raum der Zeit. Sie betritt den Saal oft Hand in Hand mit der Selbstsucht.
Für wen oder was gebe und schaffe ich Raum im Leben?
Wo bin ich wirklich zur Freiheit berufen und was ist Freiheit überhaupt? Wem gehört sie? Gehört sie überhaupt jemandem? Gehört überhaupt jemandem etwas? Wasser, Luft, Kinder, Eltern, Raum, Zeit, Macht, Verantwortung, Acker, Wald, Wiesen, Himmel?
Wie kostbar ist selbst noch die verlassenste Kirche, die solche Schätze birgt. Wie dankbar bin ich Maria und Paulus und dem Unbekannten, der das Blatt einst in den Rahmen legte und an die Wand hängte. Sie helfen mir, meine Selbstsucht zu sehen, abzulegen und an den Nagel zu hängen.

Es grüßt Sie herzlich Ihre Pfarrerin Ute Schollmeyer