Nicolaus – der gute Bischof

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Singe von Nikolaus, Muse, und künde
herrliche Mären und löbliche Tat.
Wie denn der Bischof myräischer Pfründe

Glück gebracht Eltern und Kindern einst hat.
Als im Ornate der Alte mit Ruhe
ging durch die Straßen der nächtlichen Stadt

und durch die Fenster warf, manchmal in Schuhe
Brote undNaschwerk dem ärmlichen Kind –
oder, wo leer sich fand Kiste und Truhe –

füllte mit Nüssen den Schrank und den Spind:
Niemand kannte den freundlichen Schenker,
heimlich geschah jede Guttat und lind.

Einmal nun wollte Gottvater, der Lenker
des Weltlaufs, dass Hunger träfe das Land.
Alle traf es, auch Dichter und Denker –

kein Körnchen von Weizen in Myra sich fand.
Man schaute hinaus auf die Wellen vom Hafen –
leer blieb der Horizont, endlos sein Band.

Ob Schiffe mit Weizen und Gerste eintrafen?
Sie hoffen und wachen – und niemand kann schlafen.

Doch dann, an einem schönen Wintertage,
hört man im Hafen einen frohen Ruf.
Zu Ende sei des Hungers böse Plage –

gelobt sei Gott, der Rettung uns erschuf.
Ein großes Schiff naht sich in weitem Bogen
doch wehe – auch drei andere von Luv.

An deren Masten wehen hochgezogen
drei schwarze Wimpel mit dem Totenkopf.
Und an der Reling stehen – ungelogen –

Piratenkerle mit und ohne Schopf.
Man will die Weiterfahrt solange hindern,
bis aufgewogen würde Topf um Topf

das Korn mit dem Gewicht von Myras Kindern –
doch nähme man auch Perlen, Gold und Geld.
Kann jemand dieses Unglück noch verhindern?

Nie hörte Schlimmeres die alte Welt.
Und Nikolaus? Der Bischof, mit Befehlen
hat vor die lieben Kinder sich gestellt.

Zu hindern, dass als Sklaven sie sich quälen,
wird er den Kirchenschatz für sie erwählen.

Ließ Vasen aus den Kathedralen holen,
die Silberschalen und den Kelch aus Gold.
Hoch stapeln sich die Schätze an den Molen

auch alle Glocken wurden hingerollt.
Die kostbaren Patenen und die Bilder,
mit Edelstein umrahmt, die wurden Sold …

Die Perlmuttbecher und die Silberschilder,
die Lüster, Leuchter und Flambeus aus Glas,
die Teller und das ganze Tafelsilber –

und alles brachte man. Und dies und das
ward aufgelegt auf jene große Waage,
bis hebe sich empor das Korn im Fass …

In Ewigkeit erzählen wir die Sage,
wie Nikolaus die Kinder retten hieß.
Beruhigt hat in Myra sich die Lage –

sich taufen der Piratenhäuptling ließ.
Es rief zum Schluss sein bunter Papagei:
„Piaster“ und „Wie schön gelang uns dies!“

Ich selbst, ihr Leute, damals stand dabei –
zu künden euch die Wunderprophezei.

Sonntag 2. Advent 2019 – 10.00 Uhr in Bülzig (Einführung Gemeindekirchenrat)

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Liebe Gemeinde,

gibt es Zufälle – oder gibt es sie nicht? Wie dem auch sei – ich jedenfalls habe gestern den Film gesehen über Lastkraftwagenfahrer in Jakutien. Jakutien ist eine Republik im nordöstlichen Teil des asiatischen Russlands. Dort ist es kalt, sehr kalt. Es gibt dort auch fast keine Straßen. Aber während der vier härtesten Wintermonate verwandeln sich die großen Flüsse in Straßen, auf denen alle möglichen Güter bis an das nördliche Polarmeer transportiert werden, denn auch dort wohnen Menschen. Man höre und staune – Menschen im Eis. Temperaturen von minus 30 Grad sind die Regel, Schneeverwehungen und Eisaufwürfe normal. Das Leben in den Kraftfahrzeugen auf der Strecke von 1.000 Kilometer ist hart und gefährlich. 

Es gibt in diesem etwa 45 Minuten dauernden Film eine Szene, die mich fast zu Tränen gerührt hat – also zu metaphysischen Tränen. Metaphysische Tränen sind keine richtigen Tränen, sondern man sagt das halt so, wenn man distanziert bleiben will, aber doch irgendwie sehr angerührt worden ist. Ja, – ich war sehr bewegt und habe alle meine Predigtpläne für heute über den Haufen geworfen und möchte ein wenig von dieser einen Szene reden, die mir zu Herzen gegangen ist. Es handelt sich darum, dass einem stecken gebliebenen LKW-Fahrer von einem zufällig vorbeikommenden Kettenfahrzeug der Weg wieder freigeschoben wird. Das Video ist auf unserer Homepage verlinkt https://www.youtube.com/watch?v=S7VcirrE2xc&pbjreload=10. Schauen Sie sich das an. Ab Minute 26:15 hört man den Fahrer Folgendes sagen: 

„Ach – die Raupe hat uns erreicht. Da bin ich aber froh. Sie schiebt jetzt eine Straße. Die Straße des Lebens ist wieder frei. Wenn du dich durch diese Wegelosigkeit kämpfst und es kommt jemand und macht dir die Straße frei, das ist so eine Freude – so ein Glück empfindest du dabei – ich kann das gar nicht beschreiben!” 

Glück also. „Glück hat tausend Farben”. Ein Büchlein mit diesem Titel gelangt heute in die Hände derer, die in den vergangenen und/oder nächsten Jahren die Verantwortung für die Evangelische Kirchengemeinde Sankt Marien Zahna mitzutragen sich entschlossen hatten oder haben. Das Büchlein soll ein symbolisches kleines Dankeschön sein. Aber erst mal soll das Glück auch der Triggerpunkt für diese Predigt werden. 

Wir haben vorhin den Predigttext gehört, eine der sogenannten kleinen Apokalypsen, die wir bei Matthäus, Markus und Lukas im Neuen Testament finden. Da wird auch vom Glück geredet, dass inmitten der großen Veränderung verborgen für die anwesend ist – aber eben auch wirklich nur für diejenigen – die die Zeichen der Zeit zu deuten vermögen. Apokalypsen heißen diese drei kleinen Texte – und auch das Abschlussbuch des Neuen Testaments heißt Apokalypse. Vielleicht kennen Sie ja die Eukalypse – ich meine die Eukalyptuspflanze? Diese Pflanze hat gut versteckte Staubgefäße, die sich erst recht spät in der Öffentlichkeit zur Bestäubung darbieten. Eu-Kalyptus ist griechisch und bedeutet Gut-Bedeckt. „Eu” ist im Griechischen „Gut” und „kalypto” heißt übersetzt „Bedecken”. Apo-Kalypto dagegen bedeutet das genaue Gegenteil – es meint „Auf-Gedeckt-Sein.” Apokalypsen geben vor, Fakten und Wahrhaftigkeiten aufzudecken – sie sind die Offenbarung der Wirklichkeit.

In der Zeit, in welcher wir uns gegenwärtig befinden, hat ein relativ erbarmungsloser Kampf um Fakten und um ihre Deutung Fahrt aufgenommen. Man unterscheidet inzwischen das Faktische vom Post-Faktischen, um den Gegner zum Feind zu machen. Das ist ein interessanter Streit und er zerteilt gegenwärtig Familien und Kirchengemeinden in Klimahysteriker und Klimaleugner. Die Frage, wie Temperaturen und CO2 – Messdaten zu interpretieren sind, lässt vegane Teenager vorzeitig das Elternhaus verlassen und kündigt alte Männerfreundschaften auf. Der Klimastreit ist die moderne Illustration zu der biblischen Behauptung, die Ordnung der Sterne und Sonnen und Planeten würde aus dem Lot geraten – und den Menschen würde bange sein vor den Dingen, die da kommen müssen. In dem rund 2.000 Jahre alten Text wird es bereits beschrieben – dass die Ordnung zusammenbrechen muss. 

Aber es wird auch gesagt, dass es da etwas gibt, was dieser kosmischen Katastrophe trotzt und von ihr überhaupt nicht tangiert wird. Das ist das Wort Gottes – als unantastbare Sammlung von zeitlosen Memen aus dem Munde des Nazareners. 

Die Klimaveränderung, über die wir hier im Gottesdienst noch nie gehandelt haben, ist eine zur Apokalypse designete Katastrophe. Mit Hilfe dieser Apokalypse wurde etwas wie eine Massenbewegung in Gang gesetzt – etwa so, wie wir seit den mittelalterlichen Geißlerzügen nicht mehr erinnern können. Der Mensch kämpft, solange er lebt, mit Katastrophen und Apokalypsen – und zwar mit gesellschaftlich/globalen als auch – und das wahrscheinlich viel mehr noch – mit existentiell/persönlichen. Die Sterne scheinen einem vom Himmel zu fallen, man schreit „Die Welt geht unter!” – dabei geht man nur selber unter. 

Wenn sie sich den Film über die zugefrorenen Wasserwege in Sibirien anschauen, die als Straßen benutzt werden – es sind die einzigen, die es in dieser Weite dort gibt – wenn sie das entbehrungsreiche Leben der Menschen dort wahrnehmen, stockt Ihnen das Herz. Da wird im Schnee bei minus 30 Grad eine Kupplungsscheibe beim Ural 320 D gewechselt. Per Hand. Es dauert einen ganzen Tag. Dort kommt man 100 Meter in 8 Minuten voran. Und dann kommt die Raupe – und schiebt den Weg frei. Und das ist das Glück …

Glück hat tausend Farben. Das Wort der Kirche ist diese kleine Raupe, die einen Weg frei schiebt inmitten der endlosen kalten Wüste aus schweigender Nichtsinnhaftigkeit. Denn Sinnlosigkeit ist nicht mehr das Problem u n s e r e r Zeit. Sondern die Nichtsinnhaftigkeit ist das Problem. Und sie ist die Wüste. Sinnlosigkeit hat noch etwas Reines. Aber Nichtsinnhaftigkeit ist unrein – und macht alles unrein, was damit in Berührung kommt. 

Da die Raupe reinzuschicken – macht Gott wahrscheinlich irgendwie Freude. Denn sonst gäbe es ihn nicht mehr – und seine Kirche schon gar nicht. Wir sind es, die in dem Fahrerhäuschen der Raupe sitzen. Auch wir sehen nur das Eis und die Kälte – soweit das Auge blickt. Aber im Fahrerhäuschen ist es warm. Und der schmale Weg, den wir schieben mit unseren Geschichten und Liedern, Gebeten und Feiern – das ist die Straße des Lebens.

Manchem hat es schon geholfen. Dafür sollen wir als Kirche da sein. Manchmal hat uns sogar schon selber der Glaube geholfen, nicht wahr? Für manchen von uns ist das Wort, das von sich behauptet, es würde den Absturz der Sterne vom Himmel überdauern, das Allereinzigste, das glaubhaft geblieben ist. Es ist nicht postfaktisch, sondern präfaktisch. Mag die Raupe noch so alt sein, mag sie noch soviel CO2 ausstoßen. Mag der Tankwart, der sie betankt hat, ein hochproblematischer Kollege sein, – den Weg, den die Raupe in die Wüste des Nichtsinnhaften schiebt, ist eine wichtige Sache.

Deshalb feiern wir weiter Gottesdienst, deshalb erhalten wir die Gotteshäuser und bauen sie wieder auf, wenn sie verbrannt oder eingestürzt bzw. verrottet sind. Die Kirche – sie schiebt weiter ihre kleine bescheidene Straße. Die Straße des Lebens kann sie frei machen helfen. Wenn du dich allein durch die Einsamkeit kämpfst und es kommt jemand und macht dir die Straße frei, das ist so eine Freude – so ein Glück empfindest du dabei – wer kann das mit Worten beschreiben?

Amen