Jubilate 22.4.2018

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Er riet, uns aus dem Schatten zu entfernen,
wir folgten ihm und traten in das Licht.
„Vom Weinstock“, sagt er „können Jünger lernen,

was ihrem Leben gut tut und was nicht.
So ähnlich, wie der Weinstock trägt die Reben
und hält dem Tag die Trauben ins Gesicht,

verhält es sich in euerm eignen Leben:
Die Rebe gibt sich niemals selber Halt,
doch hat ihr Selbst dem Ganzen übergeben

und zehrt vom Stock, der in den Berg sich krallt.
Von seiner Wurzel saugt sie Kraft um Kräfte,
der Weinstock hilft den Reben zur Gestalt.

Ein Gärtner kommt und prüft den Stand der Säfte –
er reinigt jede Rebe, Pflock für Pflock.
Und wo er Unrat sieht, packt er am Hefte

sein scharfes Winzermesser dort am Rock.
Er zögert nicht, das Trockne auszuschneiden –
und geht und prüft und schneidet Stock um Stock.

Bleibt an mir, dann kann ich euch nahe bleiben,
sonst wird der Wind euch auseinander treiben!

Denn auf des Scheiterhaufens heiße Flammen
wirft er, des Weinbergs Herr, den dürren Ast.
Zu Asche fällt das Trockene zusammen –

du auch, wo Frucht nicht eingetragen hast.
Ich bin der rechte Weinstock, ihr die Reben –
so reift an mir als süße Traubenlast.

Wenn meine Worte weiter euch umschweben
dann bittet, was ihr wollt, es wird geschehn.
Den Vater ehrt ihr, wenn ihr Frucht wollt geben,

lasst mutig euch als meine Jünger sehn.
Gleichwie mein Vater mich liebt, werde lieben
ich euch bei allen wilden Odysseen.

Mit meinen Reden hab ich euch getrieben,
dass Weisungen ihr achtet, die ich gab –
so bleibt euch meine Freude eingeschrieben,

wenn ihr euch liebt, wie ich es vorher tat.
Schafft Traubenfrucht in meinen grünen Zweigen
bedenkt, wie wenig ist das, was ich bat.

Mit schweren Beeren sich die Reben neigen, –
aus Frucht wird Lobgesang und muntrer Reigen.

Poimander 23

Painted in Waterlogue

Wie möchte ich euch nun den Gott beschreiben,
an den wir glauben wollten ganz und gar?
In welchem Bilde soll er bei uns bleiben,

solang das Leben währt, von Jahr zu Jahr?
Einst wollte ich durch grüne Auen wandern,
lang ist es her – ich trug noch blondes Haar.

An diesem Tage kam nun eins zum andern:
Das Wetter wechselt plötzlich: Saus und Braus.
Es regnete mit Feuersalamandern,

schnell rette ich mich in ein fremdes Haus.
Ich sah Gemälde großer Künstler schimmern,
ging weit umher und freute mich des Baus.

Im hellsten von den abertausend Zimmern
verharrte ich vor einem kleinen Bild.
Es zeigte einer Landschaft Mittagsflimmern,

mit einer Herde Schafe im Gefild.
Die grasten friedlich, kannten keine Mängel,
ein Hirte stand dabei und blickte mild.

Er hielt in seinen Händen einen Stängel
und war den Tieren das, was Menschen Engel.

Am Bache sind gemalt auch muntre Knaben,
und Mädchen herzen Schafe in der Näh.
Ob wohl der Tiere Seelen sich erlaben

an Menschenkindern? Frag ich mich und seh,
den Schäfer auf der rechte Straße schreiten.
Ich frage mich, „wer malt denn so“ und steh

entzückt. Doch auch des Lebens finstre Breiten
sind da. Ich lese laut: „Ein guter Hirt“,
der Name jenes Größten aller Zeiten!

Wie leicht sein Kreuzstab wirkt – ich bin verwirrt.
Welch einfachste aus allen scharfen Waffen,
doch bringt zurück das Schaf, wo sich verirrt.

Geheul von fern zeugt von der Wölfe Schaffen.
Der Hüter aber seine Tiere mild
liebkost, schenkt ein zu trinken aus Karaffen,

barmherzig wird die große Not gestillt.
In dieses Haus werd ich zurück einst kehren,
denn folgen will ich lebenslang dem Bild.

Gott als ein Hirte – kostbarste der Lehren.
Er führet mich – und davon kann ich zehren.

von Hirten, Hunden, Wölfen und Schafen

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Der morgige Sonntag gehört dem Guten Hirten. Die Menschheit hat Gott im Bild des Guten Hirten zum ersten Mal wirklich gefunden. Das Bild ist alt – die Antike hat ihren freundlichen Poimander (der sorgsame Schäfer) unter die Obhut der Kirche gestellt – und uns dieses schöne Thema hinterlassen. Der gute Hirte ist nicht nur der Führer einer Herde, sondern er hilft dem verirrten einzelnen Schaf. Auf seinen Schultern trägt er es in die Welt zurück, in der es gut und gerne leben kann, und kein Opfer werden muss. Es ist klar, dass nicht nur die Kirchen intern gute Hirten brauchen, gute Herdenführer und gute Retter, sondern die Gesamtgesellschaft auch. Ein guter Hirte führt seine Tiere nicht ins Schlachthaus, sondern beschützt sie vor solchen Orten. Dazu hat er als Helfer gezähmte Wölfe – Hunde. Diese Tiere muss er natürlich auch lieben, – aber die richtigen Wölfe wirksam abwehren. Das Johannesevangelium legt Jesus deshalb folgende Worte in den Mund: „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer nicht zur Tür eingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Mörder … Einem Fremden folgen die Schafe nicht, sondern fliehen von ihm; denn sie kennen des Fremden Stimme nicht. … Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Ich bin der Gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, des die Schafe nicht eigen sind, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht; und der Wolf erhascht und zerstreut die Schafe.“ (Johannesevangelium 10,1ff)
Der Hirte ist nicht dafür angestellt, eine illustre Herde aus Schafen und Wölfen zu bilden. Seine Aufgabe wird bleiben, die Welt der friedlichen Schafe vor dem Einbrechen des Wolfs zu schützen. Dem ist nichts hinzuzufügen.