FALLEN UND GEFALLEN

Laub bei St. Marien Zahna

Gefallenes Herbstlaub bedeckt den Boden und wir blättern nachdenklich bei Rilke: „Die Blätter fallen, fallen wie von weit, / als welkten in den Himmeln ferne Gärten; / sie fallen mit verneinender Gebärde. / Und in den Nächten fällt die schwere Erde / aus allen Sternen in die Einsamkeit. / Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. / Und sieh dir andre an: es ist in allen. / Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen / unendlich sanft in seinen Händen hält.” In diesen wenigen Worten schwebt ein großes Gewährenlassen und Vertrauen hinaus ins Weite und Fragliche. Zwar fallen wir tatsächlich alle – aber werden in unserem Fallen auch gehalten. Das ist die Botschaft des Ewigkeitssonntags, des Gedenktags der Entschlafenen, des Letzten Sonntags im Kirchenjahr, des Totensonntags oder Totenfestes, wie es ganz früher einmal hieß. Fünf Begriffe hat unsere Sprache für den morgigen 22.November, der zugleich der Tag der Heiligen Cäcilie ist, gefunden. Die Christenheit hörte nie damit auf, der Entschlafenen und besonders ihrer Märtyrer zu gedenken, Frauen, Männer und Kinder. Die Kirche tut das, indem sie Todestage in Geburtstage anderer Art umwidmet. Dabei dient sie nicht den Toten, sondern dem, der Leben schenkt, nimmt und zurückgibt. Wenn auch wir einmal wie Blätter fallen (möge der Tag fern sein), werden die bereits Vollendeten uns entgegen ziehen. So hat es Johann Matthäus Meyfert 1626 gedichtet: „Was für ein Volk, was für ein edle Schar / kommt dort gezogen schon? / Was in der Welt an Auserwählten war, / seh ich: sie sind die Kron, / die Jesus mir, der Herre, / entgegen hat gesandt, / da ich noch war so ferne / in meinem Tränenland.” Diese Strophe gilt es auswendig zu können. Wir werden morgen in den Himmel aufblicken und die Worte zu lernen beginnen.