Betrachtungen zu Psalm 25,15

Ein Stöckchen im Schnee. – Meine Augen sehen stets auf den Herrn.
Totes Holz, gezeichnet vom Leben. – Meine Augen sehen stets auf den Herrn. Käfer haben ihre Spuren hinterlassen. – Meine Augen sehen stets auf den Herrn.
Ein Zweig, gefallen und abgebrochen. – Meine Augen sehen stets auf den Herrn.
Licht und Schatten auf Holz und Schnee. – Meine Augen sehen stets auf den Herrn.
Sanfte Wellen, kleine Hügel, zarte kleine Flocken, keine der anderen gleichend. – Meine Augen sehen stets auf den Herrn.
Noch ehe das Zweiglein brach, dessen Zeit gekommen, hat anderes im frischen Schnee schon Spuren hinterlassen. Ein Hase vielleicht. – Meine Augen sehen stets auf den Herrn.
Im Bild ist das Leben festgenagelt, ein Wimpernschlag der Zeit.
Meine Augen haben die Kraft hindurchzuschauen und zu sehen über den Rand der Zeit. Mit Blicken den Schnee zu schmelzen und darunter die Erde zu ertasten, Sandkorn um Sandkorn, Krume um Krume sich verwandelnden Lebens aus gefallenen Blättern, Früchten, Samen, Zweigen.
Meine Augen haben die Kraft zu riechen, den Duft des Holzes, des Schnees und der Erde, die mit dem Schnee verschmolzen ist.
Meine Augen haben die Kraft zu sehen, den Duft der Kräuter, die aus dem Dunkel hervorbrechen, den Duft des Honigs, den die Bienen aus den Blüten der Kräuter sammeln.
Meine Augen können den Blick schweifen lassen durch Raum und Zeit.
Im Blick auf einen gebrochen Zweig finden sie IHN in der Tiefe von Schatten und Licht auf dem Boden. Meine Augen hören, wie aus Dingen Zeichen werden, Buchstaben, Worte, Schrift, die festhalten und festnageln und zugleich neue Räume erschließen.
Aus Holz, Schnee, Licht und Schatten zeichnet sich ein Kreuz. Ein Kreuz, an dem alles Leid hängt. Ein Kreuz, über dem es dunkel wird. Ein Kreuz, das entsteht aus dem Wechsel von Schatten und Licht. Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne und der Ast ist ein Ast. Die Wolke flieht, die Sonne schmilzt den Schnee und Neues bricht hervor. Am Anfang war das Licht. Und sie kamen zum Grab sehr früh, noch ehe die Sonne aufging. Ich bin, sagt ER, das Licht. Ihr seid das Licht. Wandelt als Kinder des Lichts.
Meine Augen sehen sie wandeln, die Brüder und Schwestern, die im Dunkel singen: Oculi mei semper ad Dominum – Meine Augen sehen stets auf den Herrn. Meine Augen wissen: ER zieht meine Füße aus der Schlinge und ich kann wandeln in Zeit und Ewigkeit. 

Es grüßt Sie herzlich Ihre Pfarrerin Ute Schollmeyer

an der Flamme der Erkenntnis

Petrus verleugnet am Feuer seinen Meister Jesus (Schnorr von Carolsfeld)

Lukas, der in seinem Evangelium viele Details so präzise beschrieben hat, beschreibt auf solche Weise auch dieses Feuer. Soldaten hatten es angezündet – und zwar genau in der Mitte des Hofes (ἐν μέσῳ τῆς αὐλῆς). Man stand drum herum, vertrieb sich die Zeit bis zur Hinrichtung, indem man sich ein wenig zu wärmen versuchte. Petrus setzt sich mit dazu – und wir bewundern seinen Mut. Der Jünger Jesu wagt sich tatsächlich in die Höhle des Löwen.

Was passiert? Karl May schreibt, „wenn du wissen willst, wie der Charakter eines Mannes beschaffen ist, sieh dir seine Feuerstelle an, wenn er sie verlassen hat!” Wir schauen in die Asche der Geschichte und lesen in den Evangelien: Petrus verließ das Feuer und ging weinend davon. Das Feuer brannte weiter … Es ist eins der unzähligen Soldatenfeuer und zugleich die Flamme einer Erkenntnis, die der zukünftige Kirchenlenker im Blick auf sich selbst wohl oder übel machen musste. 

Nicht umsonst brennt diese Flamme in der Mitte des Hofes. Ihr Feuer im Hof ist jenem Baum vergleichbar, der in der Mitte des Paradieses steht – der Baum des Lebens. Wenn man weiß, wo die Mitte ist, ist alles gut. Die Mitte fühlt sich leicht an. Wer die Mitte verloren hat, hat alles verloren. Petrus geht aus der Mitte fort, denn er hat seinen Meister und damit sich selbst verloren. Aber in dieser bitteren Erkenntnis hat er sich zugleich wiedergefunden. Das ist die Dialektik der Selbsterfahrung …

Ein ähnliches Feuer leuchtete Mose am Rande der Wüste. Dieser Rand wurde deshalb zur Mitte einer wirklichen Gotteserfahrungslandschaft. Feuer war es, das nicht so sehr brät und wärmt, sondern den Geist erleuchtet. Wenn man nur hinginge und die Sandalen auszöge! In der Mitte, wo es wirklich brennt, dort ist der heilige Bereich untrüglicher Begriffe, dort ist das wahre Wort-Territorium, die Buchstabenwelt, das Ziffernreich und ein Sinngefild. Stefan George erfasste Ähnliches mit wenigen Worten:

Wer je die Flamme umschritt,
bleibe der Flamme Trabant!
Wie er auch wandert und kreist:
Wo noch ihr Schein ihn erreicht,
irrt er zu weit nie vom Ziel.
Nur wenn sein Blick sie verlor –
eigener Schimmer ihn trügt:
Fehlt ihm der Mitte Gesetz.

Mose fand inmitten der Wüste den ewigen Namen Gottes – und konnte sich hinfort der Stärke eigener Einsamkeit anvertrauen.  Petrus erkannte am Feuer mitten im Hof erst einmal nur seine eigene Schwachheit. Angesichts der Menge, die ihn als vereinzelten Jesusfreund dingfest machen wollte, knickte er erbärmlich ein. Noch war er nicht so stark wie Mose! Noch hatte er Angst! Erst seine Jesuserfahrungen nach dem Kreuzigungstaumel der Menge änderte alles. Da wurde auch Petrus stark.

Das Feuer in der Mitte des Kreises seiner Bedränger offenbart ihm die Wahrheit darüber, wer er selber wirklich ist. Und der Hahn – schon Sokrates wurden weise Sprüche über den Preis der Selbsterkenntnis entlockt – zwingt die Tränen hervor. Am Ziel solcher Erkenntnis angekommen, wird Petrus nie wieder seinen Meister verleugnen. Nie wieder wird er dessen Botschaft relativieren. Nie wieder das Kreuz ablegen. Deshalb muss er bis heute die Kirche lenken. 

Dann darf diese auch das Feuer in der Mitte des Hofes bleiben, bzw. könnte es wieder neu werden. Wichtiger als Wärme gemeinsamen Herumstehens ist ihre erkenntnisleitende Wirkung, die dem Einzelnen möglich macht, stark zu sein …. Erkenntnis fängt manchmal bitter an – aber dadurch macht sie frei …

de mysterio liquorum

Blut und Wasser, Wein und Essig. Myrrhe, Aloe und Tränen. Innerhalb der Passionsgeschichte tauchen diese Sieben alle auf – an vielen Stellen. Es sind jene Substanzen, welche den Verwandlungsweg Jesu begleiten. Wollte man eine Ordnung unter ihre geheimnisvollen Säfte mischen, müsste sicher bei jener Wasser-Taufe begonnen werden, der Jesus sich im Flusslauf des Jordans oberhalb des Toten Meeres unterzog. Dann wäre sofort auch der salzigen Tränen Marias zu gedenken, als sie merkte, wie es mit dem Sohn – den sie mit Gott teilen musste – gefährliche Dinge auf sich haben würde. Und die großen Sünderin darf nicht vergessen werden, weil sie Jesu Füße mit ihren Tränen wusch –  wie Jesus mit Wasser die Füße seiner Jünger … 

Eigentlich geht es aber immer um den Wein. Maria bittet Jesus – und der verwandelt das ehrliche alte Wasser aus Brunnentiefen in das köstliche Hochzeitsgetränk. Nie wieder wird er dann aufhören, vom Weinstock zu reden, vom Winzer und vom Weingärtner, vom Weinberg – auch heiliger Zorn packt ihn, wenn er dabei zusehen muss, dass der Weinberg seines HERRN nur saure Trauben hervor bringt.

Myrrhe schließlich, jene bittere Tinktur, die die Heliaden als Tränen vergossen haben sollen, als der Bruder Phaeton vom Himmel gestürzt wurde, weil ihm die Versuchung zu groß gewesen war, wie Gottvater zu sein und das Weltsonnenrad zu lenken. Auch jene Myrrhe ist es, die der Morgenlandfahrer geschenkt, als man sich im Stall traf, bei den heiligen Tieren – ein König mit schwarzem Gesicht.

Dann noch Aloe. Ein zweiter Pflanzensaft. Nikodemus mischt ihn mit Myrrhe und sicher sind auch Tränen mit darein geflossen. Den toten Körper des gestorbenen Gottes wollten sie nicht der Verwesung anheim fallen lassen. Aloe – Eva durfte diese heilpflegende Pflanze am sechsten Tag aus dem Garten mit hinaustragen in die Distelwüste.

Erschrecken wir nicht – es geht auch immer um’s Blut. Das von Abel, den der Bruder Kain erschlug. Das von Jesus – am Kreuz geflossen. Und der Essig wartet abgestanden am Fuße des Kreuzes in einem Fass. Er ist einmal Wein gewesen – und hat nun seine verwandelnde Wirkung verloren. Wenn Wein lange an der Luft steht, wird Essig draus. Acidum aceticum, nur noch Säure, nicht mehr Trunk. Samuel Hahnemann reichte es ihn hoher Potenz denen, die sich auf den letzten Weg machen müssen … 

Jede dieser sieben Tinkturen hat eine Beziehung zu jeder anderen – und ihre vielfältigsten Mischungen erleben wir als unser Leben. In der Mitte aber jenes Getränk, welches – wenn wir es genießen – an das ferne Reich Gottes erinnert. Wo Christus den Becher segnen wird. Schon jetzt, denn es ist mitten unter uns …