Von der Taufe

Mosaik aus Ravenna (5.Jahrhundert)

Am 6. Sonntag nach Trinitatis (11. Juli 2021) wird die Kirche an die Taufe erinnern. Von uralten Waschungszeremonien der Völker her strömt unserem christlichen Ritus viel von seiner Kraft zu – später versucht man zusätzlich, das Taufmysterium mit klugen Theorien zu verbinden und zu schmücken. Und das gelingt auch! Richtig vollzogen wird die Taufe des Einzelnen auf diese Weise auch zum unvergesslichen Akt selbst gewollter und dadurch geschenkter Lebenswende. Am Anfang ist es nur ein einziger rauer Mann gewesen, der am Jordanfluss provisorisch die Bußtaufe praktizierte – Johannes. Bald aber schon sind es mit schimmernden Gewändern bekleidete Priester in mosaikbesetzten achteckigen Baptisterien. Auch blutige Kriege werden um die Bedeutung der hohen Wasserfeier geführt. Die Taufe wurde und blieb deshalb wohl zu allen Zeiten Mär­ty­rern Prüf­stein eigenen Mutes. Bis die Taufe im 19. Jahrhundert schließlich sogar Fremden Billett zur bürgerlichen Gesellschaft und zu hohen Ämtern wird, ist es noch ein weiter Weg. Schließlich – als die Taufe nur noch landeskinderliche Pflicht geworden zu sein schien, begannen viele ihren Wert nicht mehr zu verstehen und zu verachten. 

Trotz aller beklagenswerten Verdunstungserscheinungen, die in der Hitze unseres so albern gewordenen Konsumzeitalters dem ehemaligen Volkskirchentum gegenwärtig die Weiterexistenz so schwer machen, entdecken manche gerade jetzt ihre eigene Taufe neu. Sie besuchen etwa ihre Heimatkirche, lassen sich dort die Tür aufschließen und treten scheu und gerührt an den alten Taufstein. Berühren sein Achteck und sagen dabei halblaut: „Ich bin getauft!“

Die christliche Taufe ist gut, macht gut und tut gut. Wer sich, seine Kinder oder Enkel taufen lässt, sagt „Ja“ zu einem freundlichen Gott, den die Kirche als „Guten Hirten” vorstellt. Zudem, – wer sich aus wirklich freien Stücken taufen lässt, sagt den finsteren Mächten ab. Wer die Mächte der Finsternis sind? Alle die den guten Hirten verspotten, von dem das Wort überliefert ist: „Geht hinaus in die Welt, und macht die Völker zu Jüngern. Tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und helft ihnen zu beherzigen, was ich euch vorgelebt habe.“

Betrachtungen zu Psalm 25,15

Ein Stöckchen im Schnee. – Meine Augen sehen stets auf den Herrn.
Totes Holz, gezeichnet vom Leben. – Meine Augen sehen stets auf den Herrn. Käfer haben ihre Spuren hinterlassen. – Meine Augen sehen stets auf den Herrn.
Ein Zweig, gefallen und abgebrochen. – Meine Augen sehen stets auf den Herrn.
Licht und Schatten auf Holz und Schnee. – Meine Augen sehen stets auf den Herrn.
Sanfte Wellen, kleine Hügel, zarte kleine Flocken, keine der anderen gleichend. – Meine Augen sehen stets auf den Herrn.
Noch ehe das Zweiglein brach, dessen Zeit gekommen, hat anderes im frischen Schnee schon Spuren hinterlassen. Ein Hase vielleicht. – Meine Augen sehen stets auf den Herrn.
Im Bild ist das Leben festgenagelt, ein Wimpernschlag der Zeit.
Meine Augen haben die Kraft hindurchzuschauen und zu sehen über den Rand der Zeit. Mit Blicken den Schnee zu schmelzen und darunter die Erde zu ertasten, Sandkorn um Sandkorn, Krume um Krume sich verwandelnden Lebens aus gefallenen Blättern, Früchten, Samen, Zweigen.
Meine Augen haben die Kraft zu riechen, den Duft des Holzes, des Schnees und der Erde, die mit dem Schnee verschmolzen ist.
Meine Augen haben die Kraft zu sehen, den Duft der Kräuter, die aus dem Dunkel hervorbrechen, den Duft des Honigs, den die Bienen aus den Blüten der Kräuter sammeln.
Meine Augen können den Blick schweifen lassen durch Raum und Zeit.
Im Blick auf einen gebrochen Zweig finden sie IHN in der Tiefe von Schatten und Licht auf dem Boden. Meine Augen hören, wie aus Dingen Zeichen werden, Buchstaben, Worte, Schrift, die festhalten und festnageln und zugleich neue Räume erschließen.
Aus Holz, Schnee, Licht und Schatten zeichnet sich ein Kreuz. Ein Kreuz, an dem alles Leid hängt. Ein Kreuz, über dem es dunkel wird. Ein Kreuz, das entsteht aus dem Wechsel von Schatten und Licht. Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne und der Ast ist ein Ast. Die Wolke flieht, die Sonne schmilzt den Schnee und Neues bricht hervor. Am Anfang war das Licht. Und sie kamen zum Grab sehr früh, noch ehe die Sonne aufging. Ich bin, sagt ER, das Licht. Ihr seid das Licht. Wandelt als Kinder des Lichts.
Meine Augen sehen sie wandeln, die Brüder und Schwestern, die im Dunkel singen: Oculi mei semper ad Dominum – Meine Augen sehen stets auf den Herrn. Meine Augen wissen: ER zieht meine Füße aus der Schlinge und ich kann wandeln in Zeit und Ewigkeit. 

Es grüßt Sie herzlich Ihre Pfarrerin Ute Schollmeyer

an der Flamme der Erkenntnis

Petrus verleugnet am Feuer seinen Meister Jesus (Schnorr von Carolsfeld)

Lukas, der in seinem Evangelium viele Details so präzise beschrieben hat, beschreibt auf solche Weise auch dieses Feuer. Soldaten hatten es angezündet – und zwar genau in der Mitte des Hofes (ἐν μέσῳ τῆς αὐλῆς). Man stand drum herum, vertrieb sich die Zeit bis zur Hinrichtung, indem man sich ein wenig zu wärmen versuchte. Petrus setzt sich mit dazu – und wir bewundern seinen Mut. Der Jünger Jesu wagt sich tatsächlich in die Höhle des Löwen.

Was passiert? Karl May schreibt, „wenn du wissen willst, wie der Charakter eines Mannes beschaffen ist, sieh dir seine Feuerstelle an, wenn er sie verlassen hat!” Wir schauen in die Asche der Geschichte und lesen in den Evangelien: Petrus verließ das Feuer und ging weinend davon. Das Feuer brannte weiter … Es ist eins der unzähligen Soldatenfeuer und zugleich die Flamme einer Erkenntnis, die der zukünftige Kirchenlenker im Blick auf sich selbst wohl oder übel machen musste. 

Nicht umsonst brennt diese Flamme in der Mitte des Hofes. Ihr Feuer im Hof ist jenem Baum vergleichbar, der in der Mitte des Paradieses steht – der Baum des Lebens. Wenn man weiß, wo die Mitte ist, ist alles gut. Die Mitte fühlt sich leicht an. Wer die Mitte verloren hat, hat alles verloren. Petrus geht aus der Mitte fort, denn er hat seinen Meister und damit sich selbst verloren. Aber in dieser bitteren Erkenntnis hat er sich zugleich wiedergefunden. Das ist die Dialektik der Selbsterfahrung …

Ein ähnliches Feuer leuchtete Mose am Rande der Wüste. Dieser Rand wurde deshalb zur Mitte einer wirklichen Gotteserfahrungslandschaft. Feuer war es, das nicht so sehr brät und wärmt, sondern den Geist erleuchtet. Wenn man nur hinginge und die Sandalen auszöge! In der Mitte, wo es wirklich brennt, dort ist der heilige Bereich untrüglicher Begriffe, dort ist das wahre Wort-Territorium, die Buchstabenwelt, das Ziffernreich und ein Sinngefild. Stefan George erfasste Ähnliches mit wenigen Worten:

Wer je die Flamme umschritt,
bleibe der Flamme Trabant!
Wie er auch wandert und kreist:
Wo noch ihr Schein ihn erreicht,
irrt er zu weit nie vom Ziel.
Nur wenn sein Blick sie verlor –
eigener Schimmer ihn trügt:
Fehlt ihm der Mitte Gesetz.

Mose fand inmitten der Wüste den ewigen Namen Gottes – und konnte sich hinfort der Stärke eigener Einsamkeit anvertrauen.  Petrus erkannte am Feuer mitten im Hof erst einmal nur seine eigene Schwachheit. Angesichts der Menge, die ihn als vereinzelten Jesusfreund dingfest machen wollte, knickte er erbärmlich ein. Noch war er nicht so stark wie Mose! Noch hatte er Angst! Erst seine Jesuserfahrungen nach dem Kreuzigungstaumel der Menge änderte alles. Da wurde auch Petrus stark.

Das Feuer in der Mitte des Kreises seiner Bedränger offenbart ihm die Wahrheit darüber, wer er selber wirklich ist. Und der Hahn – schon Sokrates wurden weise Sprüche über den Preis der Selbsterkenntnis entlockt – zwingt die Tränen hervor. Am Ziel solcher Erkenntnis angekommen, wird Petrus nie wieder seinen Meister verleugnen. Nie wieder wird er dessen Botschaft relativieren. Nie wieder das Kreuz ablegen. Deshalb muss er bis heute die Kirche lenken. 

Dann darf diese auch das Feuer in der Mitte des Hofes bleiben, bzw. könnte es wieder neu werden. Wichtiger als Wärme gemeinsamen Herumstehens ist ihre erkenntnisleitende Wirkung, die dem Einzelnen möglich macht, stark zu sein …. Erkenntnis fängt manchmal bitter an – aber dadurch macht sie frei …