DATEIFORMAT *.INRI

Pilatus ließ ein Schild anfertigen und am Kreuz Jesu anbringen. Von ganz oben aus bezeugte der Zettel in mehreren Sprachen: Iesus Nazarenus Rex Iudeorum (Jesus aus Nazareth, König der Juden). In diesen vier Lettern sind untrennbar und für alle Zeit Name und Werk des Mannes von Golgatha verbunden. Die christliche Ikonographie hat aus den Anfangsbuchstaben solcher vier Worte eine Art zweites Tetragramm geschaffen: INRI. Mit diesem Kürzel wurde eine Formel fester Bestandteil von Kruzifixen, mit denen man u.a. Dämonen bannte, Sterbende segnete und Schlachten gewonnen zu haben glaubte. 

Wir wollen uns nicht allzu lang von der Frage beschäftigen lassen, aus welchem Material das Schild bestanden haben mag – Stein, Ton, Holz, Papyrus oder Pergament. Die Aufschrift mutet heutigen Zeitgenossen sowieso eher als Dateiendung an – *.INRI. Mit ähnlichen Kürzeln (PDF, DOCX und XLS) wird angezeigt, wie die jeweilige Software interne Syntagma von Informationspaketen zu handhaben hätte. 

Ja, Sprache regelt – und in deren Gefolge natürlich auch die Schrift mit Abbreviaturen und kryptischen Zeichen – unsere Wahrnehmung, hält das Chaos unzähliger Eindrücke in Schach und bringt unsere Sinneseindrücke verlässlich in solche Formen, mit denen wir etwas anfangen können. INRI gehört dazu. INRI ist eine jener „Kurzformeln des Glaubens”, deren Erarbeitung sich die gedruckten Erwachsenenkatechismen katholischer und evangelischer Provenienz widmen. Mit der INRI-Formel kann der, der sie kennt und ihre Variablen versteht, sein eigenes Leben in Unendlichkeit mit dem Wert der Werte verbinden und dadurch schon jetzt und hier Sinn schürfen.

Wichtig ist für die Erkenntnis des Menschen, dass er alle Fakten, die sekündlich auf ihn einstürmen, in ein System einzuhängen vermag, wo sie zusammenhängend wahrgenommen und zum Guten geborgen werden können. Man muss nicht glauben, dass Jesus Gottes Sohn, Messias und König aus dem Volke der Juden für die ganze Welt ist. Auch nicht, dass er von der Jungfrau Maria geboren und nach seinem Tod zur Hölle fuhr, auferstand und nun zur Rechten der Majestät Gottes sitzt, um zu richten und zu retten. Es reicht, davon zu wissen! Sagt es deshalb weiter. Als Wissen nämlich arbeitet in dem Wissenden dieses Wissen wie ein Code, der alles chiffriert und alles zugleich dechiffriert. Und dafür sorgt, dass alles andere – Wichtiges samt dem Unwichtigen – sich um den Kern der INRI-Erzählung anordnet. Wie Eisenfeilspähne im Feld des Magneten schöne Figuren bilden. INRI – mit diesem Dateiformat werden die vorletzten und letzten Dinge kommunizierbar …

Herrlichkeit

Olivias Engel

„Die Bibel ist voll der göttlichen Herrlichkeit (Gloria, Doxa, Kabod, Schechina), ja die ganze Offenbarung ist, mitsamt dem Geheimnis von Sünde und Kreuz in ihrer Mitte, gerade in ihren Abschlüssen (Paulus, Johannes), aber schon im Alten Testament als Hervorstrahlen der göttlichen Herrlichkeit gezeichnet. Ohne diesen Aspekt würde die ganze Religion, so wahr und so gut sie sonst wäre, zu einer Sammlung von richtigen Sätzen und nützlichen Einrichtungen herabsinken.
Einzig das Schöne begeistert die Menschen und reißt sie zu der «nobeln Tollheit» hin (Nietzsche), die jener totale Lebenseinsatz ist, wie Christus ihn von den Seinen fordert.“

Hans Urs von Balthasar: Herrlichkeit

Los – Losung – Lösung – 13.März 2021

Orakelsteine aus Fernost

Das heutige Losungswort der Zinzendorfer Frommen lautet: „Der Mensch wirft das Los; aber es fällt, wie der HERR will” (Sprüche 16,33). Losentscheide kommen aus uralter Tradition. Manche meinen, heute spiele so etwas kaum noch eine Rolle – sie täuschen sich. Millionen verfolgen samstags die Ziehung der Lottozahlen. Was einigen als Zufall gilt, betrachten andere als Verdienst. Entweder zu gutem oder zu schlechtem Glück. Losentscheide waren der alten Welt untrügliche Mittel, den eigenen Willen mit dem der Gottheit verbunden zu wissen. Wie weise! Erst viel später entstand aus der Loserei die Gewinn einbringende Lotterie. Die Alten wollten und vermochten tatsächlich noch anzuerkennen, dass über ihnen und in allem eine ordnende Kraft waltete. Man warf die Münze – Kopf oder Zahl? Würde die Münze Zahl zeigen, waren die Unsichtbaren zu wählen. Wenn Kopf – dann z.B. die Unhörbaren. (Sonderbaren Glanz wirft für den morgigen Tag unser Spruch über Baden Württemberg und Rheinland-Pfanz).

Weil sich die Wahrheit durch das Los untrüglich selber bekannt machte, konnte es für die geistige Orientierungswelt der Antike im Grunde keine Antiordnung geben. Weniger als heute für die sogenannten Gebildete der Fall ist, waren damalige Zeiten vom Chaos fasziniert. Als gläubig-sterblicher Mensch schüttelte man die Würfel und bat die Unsterblichen um Weisung von oben. Der Fall der Lossteine würde von ihrer Seite schon richtig gelenkt werden. Gute alte Zeit … Dem, was man früher sinnvolle Lenkung nannte, wird heute von Seiten des politisch linksliberalen Destruktivismus‘ vehement widersprochen. Schöne neue Welt – wie vieles ist ihr gelungen. Die Gewissheit um göttliche Führung ist dabei in die Lotterie abgewandert, Nun – solange das rechte Los noch im Topf ist und nicht nur Nieten, bleibt das Spiel interessant. Die Zeit wird zeigen, wie das Los fiel! Aushalten und Beten soll helfen. Es ist nach wie vor nicht sinnlos, dem Sinn-Los Wahrheitswert zuzusprechen …